WISSENSCHAFT
GERMANISTIK

LMU MÜNCHEN
JOERG MAURER
 

Aber neben den großen Wissenschaftlern und der literarischen Tradition der LMU standen auch junge Dozenten, die durch einen frechen Zugang zur Welt und zur Literatur beeindruckten. Gerade einmal 7 Jahre älter war ein Dozent, der mich zum eigenen Schreiben bewegen sollte, und auf der nächsten Seite vorgestellt wird.
Es handelt sich um den Musikkabarettisten und Autor Joerg Maurer, der zu dieser Zeit Dozent für Germanistik und Theatergeschichte war ...
                                         

Anja Pirling als KLEINER PRINZ
in der Inszenierung
des theaters in medias res

... und eines der Seminare anbot, das mich mit einem Thema in Berührung brachte, das mich bis heute nicht loslässt, und mir zudem den Impuls des eigenen Schreibens gab.
"Das Theater der Romantik" schien mir damals zunächst nicht viel zu versprechen. Zu sehr stand für mich noch die populäre Definition der Romantik mit Herz und Schmerz im Vordergrund, weniger die literarische Epoche.
 
Bereits in der Oberstufe hatte immer die Klassik (besonders Friedrich Schiller, aber vor allem auch Wieland) und der Realismus (Fontane, Hebbel, Storm, Stifter) und die Stücke dieser Epochen (also nur der Ibsen der realistischen Zeitstücke usw.) im Vordergrund gestanden.
 
Das "Theater der Romantik" war natürlich auch damals schon auf den Bühnen nicht zu erleben. Brentano galt als unspielbar, Tieck wurde nur als Shakespeare-Übersetzer angesehen und Eichendorffs "Freier" durfte man eigentlich nicht mal erwähnen, wenn man nicht als ewig vorgestrig gelten wollte.
 
 Ausgerechnet in dieser Zeit änderte sich das jedoch durch einen zeitgenössischen Autor, der sich noch nicht von jeder literarischen Tradition absetzen musste: Tankred Dorst (mit seiner kongenialen Mitarbeiterin Ursula Ehler) lebte und arbeitete in München. Die Uraufführung von MERLIN an den Kammerspielen rief an ein neues Interesse an seinen früheren Stücken wach. Am "Kleinen Spiel" in München hatte man schon in früheren Jahren Dorsts Stücke für das Marionettentheater aufgeführt.
 
Da ich das Marionettenspiel auch sehr liebte, und neben dem Studium einen kleinen Hilfsjob in der Marionettentheater-Sammlung des Stadtmuseums bei Prof. Till angenommen hatte, begann ich mich auch damit zu beschäftigen.
 
Im Seminar von Jörg Maurer wurde ich dann auf die Aufführung von Dorsts "Der gestiefelte Kater oder wie man das Spiel spielt" in einem kleinen Theater im Olympiadorf aufmerksam gemacht, wo ich direkt hinging.
 
UND DAS WAR ES! Die Verbindung von Spiel im Spiel, die vielfache Brechung der Ebenen, das Jonglieren mit Versen in einer eigentlich modernen Sprache - all das packte mich vom ersten Moment an. Zudem griff die Aufführung auch noch ins Publikum über, und ich bekam von den Akteuren die Rolle des Kritikers im Publikum zugeteilt (weil ich mich so brav mit meinem Schreibblock ins Publikum gesetzt hatte), und konnte so die gesamte Vorstellung hindurch selbst schreiben und die köstlichsten Ideen ausspinnen.
 
Ja und als ich sprachlich volltrunken das Theater verließ - hatte ich auf meinem Block den Entwurf für ein eigenes Stück im Stile Tiecks "Aschenputtel oder wie man den Schuh verliert".
 
Schon am nächsten Tag konnte ich im Seminar von meinem rauschhaften Erlebnis berichten, und erhielt von Joerg Maurer direkt den Auftrag, mein Stück nun wirklich auszuschreiben.
 
Aber nicht nur das: andere Seminarteilnehmer waren Feuer und Flamme für die Idee, das Stück auch direkt auf die Probebühne des Instituts für Theaterwissenschaft an der Theatinerkirche zu bringen: Ich hatte meinen ersten Schreib- und Regieauftrag in der Tasche - und das in meiner, aus Sicht des Englischen Gartens fast italienisch anmutenden Traumstadt München. Ich hatte es geschafft!
 
Obwohl mich die Ernüchterung des Alltags schnell einholte (ich erhielt nur die Probenzeit am Montag morgen von 8-10 Uhr auf der Probenbühne, da alle anderen Termine ausgebucht waren, und hatte im beginnenden Wintersemester vor allem Kaffee für mein Ensemble zu kochen, das oft über Nacht erst aus den umliegenden Skigebieten nach München zurückgekommen war (oder mich erst am Dienstag verschlafen ansprach: "Hattet ihr gestern Probe?"
 
Dennoch wuchs das Stück, das sich über das begeisternde Spiel mehrerer Akteure und den eingebauten Reminiszenzen an Rocky Horror (Time Warp der Bühnentechniker) zum mitreißenden Feuerwerk entwickelte - das schließlich doch nicht aufgeführt wurde.
 
Egal, Tieck war von da an mein heißgeliebter Lieblingsautor, den natürlich niemand gelesen hatte ("Die verkehrte Welt", in der Herde Schafe ihre Schäfer scheert kennt immer noch niemand) und für den ich kämpfen konnte.
 
Meine Abschlussarbeit im Seminar schrieb ich darüber und weitere Arbeiten wie "Das deutsche Fernsehen - als moralische Anstalt betrachtet" oder das Rauchen auf der Bühne "Die Geburt der Tragödie aus dem blauen Rauch".
 
Lieber Joerg Maurer, sie merken schon. Neben der Liebe zur Literatur, die wir damals teilten, war es auch der Spaß, damit spielerisch und anders umzugehen, den Sie mir beigebracht haben. Vielen Dank, hoffentlich sehen wir uns bald einmal wieder!                                        

Das Germanistik-Institut der LMU München heute: 

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